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PPID, (Pseudo-)Cushing oder Stoffwechselproblem?

  • Autorenbild: Julia
    Julia
  • 8. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Was du wirklich wissen solltest – eine leicht verständliche Kurzfassung

Wenn Pferde Symptome wie hartnäckige Hufrehe, häufige Hufgeschwüre, langes Fell, Müdigkeit, Leistungsabfall oder unerklärlichen Muskelrückgang zeigen, fällt der Verdacht schnell auf „Cushing“. Meist wird dann der ACTH-Wert (Adrenocorticotropes Hormon) bestimmt – und nicht selten direkt Prascend empfohlen.

Doch hinter diesen Symptomen steckt weit mehr, als ein einzelner Blutwert vermuten lässt.


1. Früher „Cushing“ – heute PPID. Was ist PPID eigentlich?

Der Begriff „Cushing“ wurde früher aus der Humanmedizin übernommen, beschreibt beim Menschen jedoch ein ganz anderes Krankheitsbild: ein tatsächliches Cortisolüberschuss-Syndrom. Beim Pferd liegt jedoch kein typisches Cushing vor. Statt dauerhaft erhöhtem Cortisol findet man vielmehr eine Funktionsstörung der Pars intermedia in der Hirnanhangsdrüse. Genau das beschreibt der moderne Begriff PPID – Pituitary Pars Intermedia Dysfunction.PPID benennt also präzise den betroffenen Teil der Hypophyse und die dort entstehende Fehlregulation. Daher wird der Ausdruck „Cushing“ heute als ungenau angesehen und zunehmend durch die korrekte Bezeichnung PPID ersetzt – sowohl in der Wissenschaft als auch in der tierärztlichen Praxis.

PPID entsteht, wenn ein Bereich der Hirnanhangsdrüse (Pars intermedia) zu viel ACTH produziert. Der Grund kann eine altersbedingte, neurodegenerative Veränderung (Dopaminverlust), Hyperplasie (Gewebevermehrung) oder ein gutartiger Tumor (Adenom, entartete Hyperplasie, selten!) sein.

Wichtig zu wissen: Eine sichere Diagnose einer der 3 Gründe ist nur post mortem, also mittels Obduktion nach dem Tod möglich. Zu Lebzeiten kann man PPID nur vermuten, aber nicht 100 % beweisen.


2. Der ACTH-Wert – kein eindeutiger Test

Fast jede wichtige Drüse, insbesondere die hormonproduzierenden Drüsen (endokrine Drüsen), sind durch Rückkopplungsmechanismen gesteuert. So registriert die Hypophyse beispielsweise den Cortisolgehalt und steuert somit die Ausschüttung des ACTH.→ Hypophyse misst Cortisol und reguliert die Produktion/Ausschüttung von ACTH→ Nebennierenrinde misst ACTH und reguliert die Produktion/Ausschüttung von Cortisol

Liegt nun tatsächlich eine Gewebevermehrung/-veränderung an der Hypophyse vor, produziert dieses veränderte Gewebe ebenfalls ACTH, wird aber nicht über die körpereigene Rückkopplung reguliert (da die veränderten Zellen nichts „messen“) und schüttet dauerhaft weiter aus. Auch wenn dadurch vermehrt Cortisol aktiviert wird, konnte ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel im Blut bisher nicht nachgewiesen werden – lediglich die über den Tag natürlich auftretenden Cortisolspitzen häufen sich. Bei der häufigsten Form der PPID handelt es sich jedoch nicht um ein Tumorwachstum, sondern um neurodegenerative Veränderungen: Dabei gehen hemmende dopaminerge Nervenzellen verloren, sodass die Pars intermedia der Hypophyse zunehmend unkontrolliert arbeitet und überschießend ACTH freisetzt.

Das ACTH schwankt natürlicherweise stark und die Hypophyse reagiert sensibel auf Stress. Der ACTH-Wert steigt z. B. an bei: Fellwechsel, zu langen Futterpausen, Schmerzen, Hitze oder Kälte, Störung der Thermoregulation, Stoffwechselstörungen, Magenproblemen, Überforderung bei der Arbeit, Aufregung (Tierarzt, Blutabnahme, Herde).

Ein einzelner Wert kann deutlich zu hoch oder falsch normal sein. Deshalb gilt heute:👉 ACTH allein reicht nicht für eine PPID-Diagnose.


3. Pseudo-Cushing – der große Doppelgänger

Die aktuelle Forschung zeigt klar:👉 Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen PPID und Stoffwechselproblemen.

Viele Symptome, die wie PPID aussehen, entstehen durch Stoffwechselstörungen, z. B.: Insulinresistenz (IR), Equines Metabolisches Syndrom (EMS), Übergewicht oder versteckter Körperfettanteil, zu lange Fresspausen, schlechtes Raufutter, Mykotoxine, Darmdysbiosen, Leber- und Nierenbelastung, chronische Schmerzen oder Stress.

Diese Faktoren beeinflussen ACTH, Cortisol und die Funktion der Hypophyse. In vielen Fällen können PPID-ähnliche Symptome allein durch Stoffwechseltherapie verschwinden.


4. Prascend (Pergolid) – woher kommt es, was kann es und was nicht

Prascend enthält den Wirkstoff Pergolid, einen Dopamin-Agonisten, der ursprünglich aus den Alkaloiden des Mutterkornpilzes gewonnen wurde. Mutterkorn ist historisch gut dokumentiert: Bereits im Mittelalter wurde beschrieben, dass mit Mutterkorn befallenes Getreide beim Menschen schwere Vergiftungen, Krämpfe sowie Wehen oder Fehlgeburten auslösen kann. Die pharmakologisch wirksamen Alkaloide wirken im Körper stark auf das Nervensystem ein – daher stammt auch der Name „Mutterkorn“.

Pergolid wurde zunächst in der Humanmedizin zur Behandlung von Parkinson eingesetzt, da es dem Körper Dopamin vortäuschen kann – ein zentraler Botenstoff zwischen Nervenzellen, der unter anderem Bewegungsabläufe und emotionale Stabilität reguliert. Aufgrund schwerer Nebenwirkungen, darunter Herzklappenschäden, wurde Pergolid jedoch wieder vom Humanmarkt genommen.

2010 erhielt der Wirkstoff schließlich die Zulassung als Veterinärarzneimittel zur Behandlung von PPID beim Pferd. Die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch bis heute vergleichsweise dünn: Viele Studien sind klein, häufig unkontrolliert und erlauben keine eindeutigen Aussagen zu Langzeitwirkung, optimaler Dosierung oder dem tatsächlichen Nutzen im Verhältnis zu einer zuvor durchgeführten Stoffwechseltherapie. Aus diesem Grund gilt Pergolid als rein symptomatische, lebenslange (!) Behandlung, nicht als ursächliche Lösung.

 

Ein Ausschleichen ist nur unter engmaschiger Kontrolle und in sehr kleinen Schritten möglich.

Den offiziellen Beipackzettel findest du hier:https://www.vetmedica.de/prascend-07-2017.pdfx

 

Prascend/Pergolid kann NICHT: PPID heilen, das veränderte Gewebe an der Hirnanhangdrüse zurückbilden, die neurodegenerativen Prozesse aufhalten oder ein Tumorwachstum stoppen – es kann die eigentliche Ursache also weder beseitigen noch beheben, sondern ausschließlich deren Folgen mildern.

 

Nebenwirkungen kommen häufig vor: Appetitverlust, Apathie, Abmagerung, Unruhe.


5. Was die Studienlage sagt

Zusammengefasst zeigen moderne Studien:

  • PPID ist komplex und nicht vollständig verstanden.

  • EMS/IR/Stoffwechsel und PPID hängen enger zusammen als früher gedacht.

  • Diagnostik ist fehleranfällig und muss ganzheitlich betrachtet werden.

  • Prascend wirkt Symptomüberdeckend, aber nicht bei jedem — und es heilt nicht.

  • Stoffwechseltherapie ist immer erforderlich, egal ob PPID vorliegt oder nicht.


Kurz: 👉 Man weiß heute mehr als früher – aber längst noch nicht alles.


6. Fazit – was bedeutet das für das Pferd?

Viele Symptome, die wie Cushing bzw. PPID aussehen, können in Wahrheit Stoffwechselprobleme sein und/oder mechanische Ursachen haben wie bspw. eine nicht passende Hufstellung und somit Schmerzen bei jeder Bewegung. Auch die Hufe haben einen direkten Einfluß auf das Stoffwechselgeschehen!

Ein einziger Blutwert wie ACTH reicht nicht aus, um PPID sicher festzustellen – auch nicht wenn er mehrmals in Folge genommen wird.

Bevor man das Hormonsystem medikamentös beeinflusst, sollte man unbedingt erst die aktuelle Fütterung sowie das Management untersuchen und sinnvollerweise den Stoffwechsel gezielt unterstützen.

Oft bessert sich die Symptomatik so stark, dass Medikamente nicht mehr nötig sind.


Merke: mit Prascend-Gabe werden auch die Symptome wie Hufrehe oder ähnliches nicht geheilt. Sie befinden sich dann lediglich im „Schlummermodus“.


Die dargestellten Inhalte basieren auf meinen Erfahrungen und naturheilkundlichen Ansätzen und dienen ausschließlich der Information.

Sie ersetzen keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.

Ich arbeite ergänzend zur Schulmedizin und empfehle bei akuten oder schwerwiegenden Beschwerden immer die Abklärung durch einen Tierarzt.

 
 
 

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