🌾 Heu ist nicht gleich Heu – das unterschätzte Fundament der Pferdegesundheit
- Julia

- 31. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Heu ist – neben der Weide – das wichtigste Futtermittel unserer domestizierten Pferde.
Pferde sind Dickdarmverdauer. Den größten Teil ihrer Energie gewinnen sie durch die mikrobielle Fermentation der Pflanzenfasern im Dickdarm. An ihrem natürlichen Grundfutter – der Weide und in unserer Haltung vor allem dem Heu – führt deshalb kein Weg vorbei.
Genau deshalb beginnt für mich jede Fütterung beim Grundfutter.
In der Praxis können wir dessen Qualität jedoch häufig gar nicht oder nur wenig beeinflussen. Viele Pferdehalter sind Einsteller oder auf das Heu angewiesen, das regional verfügbar ist. Umso wichtiger ist es, die Stärken und Schwächen des vorhandenen Grundfutters zu kennen.
Ich bin überzeugt, dass es nicht darum geht, möglichst viele Ergänzungsfuttermittel zu füttern oder einen theoretisch errechneten Bedarf mit immer neuen Produkten auszugleichen.
Viel wichtiger ist es, das vorhandene Grundfutter zu verstehen und genau dort gezielt zu ergänzen, wo tatsächlich Versorgungslücken entstehen – möglichst natürlich und immer individuell auf das jeweilige Pferd abgestimmt.
Denn aus meiner Sicht gilt:
Nicht Masse, sondern Klasse. Nicht möglichst viel, sondern gezielt. Nicht künstlich, sondern so natürlich wie möglich. Und immer angepasst an das einzelne Pferd.
🌿 Die Grundlage entsteht auf der Wiese
Bereits die Pflanzenzusammensetzung einer Wiese entscheidet darüber, welche Nährstoffe später im Heu enthalten sind.
Früher bestanden viele Wiesen aus einer natürlichen Vielfalt verschiedener Gräser, Kräuter und Leguminosen. Genau diese Vielfalt versorgte Pferde mit unterschiedlichsten Mineralstoffen, sekundären Pflanzenstoffen und hochwertigen Proteinen.
Heute sieht das vielerorts anders aus.
Viele Grünlandflächen wurden ursprünglich für die Rinderhaltung angelegt und entsprechend eingesät. Dort dominieren häufig ertragsstarke Hochleistungsgräser wie beispielsweise Deutsches Weidelgras. Diese wachsen schnell, liefern hohe Erträge und eignen sich hervorragend für die Milchviehhaltung.
Die Bedürfnisse eines Pferdes unterscheiden sich jedoch deutlich von denen einer Hochleistungskuh.
Schauen wir uns an, wo das Pferd ursprünglich herkommt, finden wir keine Monokulturen. Wildlebende Pferde nehmen im Laufe eines Tages viele verschiedene Gräser, Kräuter, Sträucher und andere Pflanzen auf. Genau diese Vielfalt sollten wir auch heute wieder stärker in den Fokus rücken.
🌸 Warum Kräuter immer seltener werden
Eine artenreiche Pferdewiese entsteht nicht von allein.
Viele Kräuter und Leguminosen können sich nur dauerhaft erhalten, wenn sie regelmäßig zur Blüte und Samenreife gelangen. Werden Wiesen jedes Jahr früh oder mehrfach gemäht, bevor die Pflanzen aussamen können, verschwinden sie nach und nach aus dem Bestand.
Übrig bleiben vor allem schnell wachsende Gräser mit hohen Erträgen.
Das bedeutet nicht, dass ein früher Schnitt grundsätzlich schlecht ist. Im Gegenteil: Er liefert häufig hochwertigeres Eiweiß und besser verdauliches Heu.
Für die Artenvielfalt ist es jedoch genauso wichtig, dass Pflanzen Zeit bekommen, Samen auszubilden und sich auf natürliche Weise zu vermehren. Nur so bleiben Kräuter und Leguminosen langfristig erhalten.
Der optimale Erntezeitpunkt ist deshalb immer ein Kompromiss zwischen Futterqualität, Artenvielfalt, Naturschutz und Wirtschaftlichkeit.
🚜 Landwirtschaft muss wirtschaftlich arbeiten
Landwirte produzieren nicht das „falsche" Heu.
Sie produzieren das, was wirtschaftlich sinnvoll ist und was nachgefragt wird.
Hohe Erträge, eine gute Konservierbarkeit und eine effiziente Flächennutzung sind für jeden Betrieb entscheidend. Leistungsstarke Gräser, gezielte Düngung und angepasste Bewirtschaftung erhöhen den Ertrag pro Hektar und sichern die Wirtschaftlichkeit.
Hinzu kommt das Prinzip von Angebot und Nachfrage.
Die meisten Pferdehalter kaufen schlicht Heu. Nur selten wird nach der Pflanzenzusammensetzung, dem Erntezeitpunkt oder der tatsächlichen Qualität gefragt. Für viele Betriebe lohnt es sich deshalb wirtschaftlich kaum, spezielle Pferdeheu-Mischungen anzubauen oder bewusst geringere Erträge zugunsten einer höheren Pflanzenvielfalt in Kauf zu nehmen.
Das ist niemandem vorzuwerfen.
Es erklärt jedoch, warum unser heutiges Heu häufig anders aussieht als noch vor einigen Jahrzehnten.
🌦️ Klimawandel und Erntezeitpunkt
Auch der Klimawandel beeinflusst heute die Qualität unseres Heus.
Längere Trockenperioden, Starkregen und immer kürzere Erntefenster erschweren es Landwirten zunehmend, den optimalen Schnittzeitpunkt zu treffen.
Hinzu kommen in einigen Regionen Agrarumweltprogramme, die aus Naturschutzgründen spätere Schnittzeitpunkte vorsehen, beispielsweise zum Schutz von Bodenbrütern oder Insekten. Diese Maßnahmen sind ökologisch sinnvoll und wichtig, beeinflussen jedoch gleichzeitig die Qualität des später gewonnenen Heus.
Mit zunehmendem Alter verändert sich jede Pflanze. Die Stängel verholzen, der Rohfaseranteil steigt und die Verdaulichkeit nimmt ab. Gleichzeitig sinkt die Qualität der enthaltenen Proteine. Besonders die für Pferde wichtigen essentiellen Aminosäuren stehen dann häufig nicht mehr in gleicher Menge zur Verfügung.
🍬 Und wie ist das mit dem Zucker?
Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass spät geerntetes Heu automatisch zuckerarm ist.
Ganz so einfach ist es leider nicht.
Der Zuckergehalt wird nicht nur vom Erntezeitpunkt beeinflusst. Auch Grasarten, Sonneneinstrahlung, Trockenstress, Temperatur, Niederschläge, Düngung und sogar die Tageszeit der Mahd spielen eine Rolle.
Gerade Trockenstress oder kalte Nächte können dazu führen, dass Pflanzen Zucker anreichern, weil sie ihn zwar bilden, aufgrund eingeschränkten Wachstums jedoch nicht vollständig verbrauchen.
Deshalb gilt:
Nicht jedes frühe Heu ist zuckerreich und nicht jedes späte Heu automatisch zuckerarm.
🧬 Warum hochwertiges Eiweiß heute häufig fehlt
In meiner täglichen Arbeit begegnen mir immer wieder Pferde, die rund um die Uhr Heu zur Verfügung haben und dennoch Anzeichen einer unzureichenden Eiweißversorgung zeigen.
Für mich ist das kein Widerspruch.
Entscheidend ist nicht, wie viel Heu ein Pferd frisst, sondern welche Qualität dieses Heu besitzt.
Später geerntetes oder stark verholztes Heu enthält oftmals weniger hochwertiges Eiweiß und geringere Mengen essentieller Aminosäuren. Gleichzeitig fehlen auf vielen Flächen Leguminosen oder andere eiweißreiche Pflanzen, die früher selbstverständlicher Bestandteil artenreicher Wiesen waren.
Aus meiner Erfahrung reicht die Eiweißqualität vieler heutiger Heusorten für zahlreiche Pferde nicht mehr aus. Genau deshalb setze ich – immer individuell auf das jeweilige Pferd abgestimmt – gezielt natürliche Eiweißquellen wie Esparsette oder Grünhafer ein. Nicht weil jedes Pferd sie braucht, sondern weil sie dort unterstützen können, wo das Grundfutter an seine Grenzen stößt.
🧐 Mythos oder Wahrheit?
❌ Mythos: Grünes Heu ist automatisch hochwertiges Heu.
Farbe allein sagt wenig über die tatsächliche Qualität aus.
❌ Mythos: Spätes Heu ist immer zuckerarm.
Der Zuckergehalt hängt von vielen Faktoren ab und lässt sich nicht allein am
Erntezeitpunkt erkennen.
❌ Mythos: Viel Heu bedeutet automatisch eine optimale Versorgung.
Ein Pferd kann rund um die Uhr Heu fressen und trotzdem nicht optimal mit hochwertigen Proteinen, Mineralstoffen oder sekundären Pflanzenstoffen versorgt sein.
❌ Mythos: Alle Heuwiesen sind für Pferde gleichermaßen geeignet.
Die Pflanzenzusammensetzung entscheidet maßgeblich darüber, welche Nährstoffe später im Heu enthalten sind.
❌ Mythos: Eine Heuanalyse beantwortet alle Fragen.
Eine Heuanalyse kann eine hilfreiche Orientierung geben – sie zeigt jedoch immer nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtbildes.
Bereits eine wirklich repräsentative Probenahme ist in der Praxis schwierig. Wer füttert ausschließlich Heu von einer einzigen Wiese? Oft stammen Rundballen von unterschiedlichen Flächen oder verschiedenen Schnitten. Selbst innerhalb eines Ballens können sich Pflanzenbestand und Nährstoffgehalte deutlich unterscheiden.
Hinzu kommt, dass Heu ein Naturprodukt ist und sich während der Lagerung verändert. Eine Analyse beschreibt deshalb immer nur den Zustand zum Zeitpunkt der Probenahme.
Für mich ist eine Heuanalyse deshalb ein Puzzleteil – aber niemals das gesamte Puzzle. Genauso wichtig sind die Pflanzenzusammensetzung der Wiese, die Bewirtschaftung, der Erntezeitpunkt, die Lagerung und vor allem die Frage:
Wie reagiert das Pferd auf dieses Heu?
✨ Fazit
Ich bin überzeugt davon, dass Pferde 24 Stunden am Tag Zugang zu hochwertiger, langfaseriger Rohfaser haben sollten.
Heu bildet – neben der Weide – die Grundlage einer artgerechten Pferdefütterung.
Gleichzeitig können wir die Qualität unseres Grundfutters häufig nur begrenzt beeinflussen.
Genau deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, das vorhandene Heu zu verstehen. Nicht um es schlechtzureden, sondern um seine Stärken und Schwächen zu kennen und die Fütterung dort gezielt zu ergänzen, wo es sinnvoll ist.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen, welches Zusatzfutter unser Pferd noch braucht.
Und stattdessen häufiger fragen, ob sein wichtigstes Futtermittel überhaupt noch dem entspricht, wofür sein Verdauungssystem geschaffen wurde.
Denn genau hier beginnt für mich gesunde Pferdefütterung.




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