Bierhefe beim Pferd – sinnvoll oder überflüssig?
- Julia

- 7. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

👉 Saccharomyces cerevisiae in der Pferdefütterung erklärt
Viele Pferdehalter stoßen früher oder später auf den Begriff Bierhefe fürs Pferd. Gemeint ist die Hefe Saccharomyces cerevisiae, die wir aus Backstube und Brauerei kennen. Doch: Brauchen Pferde wirklich Bierhefe für eine gesunde Verdauung – oder ist sie eher überbewertet?
👉 Was ist Bierhefe eigentlich?
Saccharomyces cerevisiae kommt in zwei Formen vor:
Aktive Hefe: Backhefe, Bäckerhefe
Inaktive Hefe: Bierhefe, Nährhefe (durch starkes Erhitzen inaktiviert)
Besonders die inaktive Bierhefe wird gern als Zusatzfutter für Pferde beworben – mit Versprechen rund um Verdauung, Nährstoffaufnahme und Fellglanz.
Doch so einfach ist es nicht:
Bei der thermischen Inaktivierung werden zwar die meisten Hefezellen abgetötet, aber ein Rest kann aktiv bleiben.
Gleichzeitig zerstört die starke Erhitzung viele natürliche B-Vitamine. Deshalb wird Bierhefe im Anschluss industriell mit synthetischen Vitaminen angereichert. → Der Vitaminanteil stammt also nicht mehr aus ursprünglicher Quelle, sondern aus nachträglicher Zugabe.
👉 Warum die Darmgesundheit so entscheidend ist
Der Darm ist das Zentrum der Pferdegesundheit:
Er verarbeitet das Futter, spaltet es auf und macht Nährstoffe verfügbar.
Gleichzeitig sitzt dort ein Großteil des Immunsystems.
Stress, Antibiotika oder falsche Fütterung können dieses empfindliche Gleichgewicht kippen.
Die Folge ist eine Dysbiose – eine gestörte Darmflora. Das kann weitreichende Konsequenzen haben:
schlechtere Nährstoffaufnahme
Entzündungen im Darm
Übersäuerung
Störung der Aminosäure-Biosynthese
Störung der Regulierung von Entzündungsreaktionen im Darm
Störung der enterischen Mikrobiota (mehr dazu hier)
→ dadurch geht die Kolonisierungsresistenz nützlicher Mikroben verloren, der Darm wird anfälliger für Entzündungen und die Vermehrung von Krankheitserregern.
Langfristig können diese Prozesse zu Stoffwechselproblemen führen – bis hin zu Kolik, Hufrehe oder Allergien, um nur einige zu nennen.
👉 Kraftfutter, Stärke und ihre Folgen
Das natürliche Fressverhalten des Pferdes ist klar: dauerhafte Aufnahme von rohfaserreicher Pflanzenkost.
Steigt jedoch der Energiebedarf oder ist das Heu minderwertig, greifen viele Halter zu Getreide. Doch genau hier liegt das Problem:
Stärke im Kraftfutter gelangt leicht unverdaut in den Dickdarm.
Dort fördert sie sogenannte acidophile Bakterien wie Lactobacillus acidophilus.
Diese senken den pH-Wert (→ Übersäuerung) und bremsen die Rohfaserverdauung.
Die möglichen Folgen:
Ungleichgewicht im Dickdarm (das Pferd ist ein Dickdarmverdauer!)
Stoffwechselstörungen
Funktionsstörungen von Leber und Niere mit entsprechenden Krankheitsbildern
👉 Was bringt Bierhefe in diesem Zusammenhang?
Die Studienlage ist dünn und teilweise widersprüchlich. Trotzdem zeigen einzelne Ergebnisse:
Bierhefe kann bei großen Mengen Kraftfutter die Stärkeverwertung verbessern. Sie wirkt dabei wie ein „Rottebeschleuniger“ und fördert die mikrobielle Aktivität.
Sie unterstützt die Verdauung von Zellulose und Lignin.
⚠️ Problematisch wird es, wenn noch aktive Hefezellen enthalten sind: Unter Luftabschluss im Darm und mit dem dort natürlich vorhandenen Zucker können sie Alkohol und sogenannte Fuselalkohole bilden. Das führt zu Blähungen, Fehlgärungen und weiteren Verdauungsstörungen – ein zusätzlicher Risikofaktor für empfindliche Pferde.
Aber: Bierhefe siedelt sich im Pferdedarm nicht dauerhaft an. Ihre positive Wirkung ist nur während der Fütterung von großer Menge Kraftfutter spürbar – ein nachhaltiger Aufbau der Darmflora gelingt nicht. An den negativen (Aus)Wirkungen hat man jedoch länger etwas.
👉 Vitamine in Bierhefe – ein oft missverstandenes Thema
Vitamin B12 ist in Bierhefe nicht enthalten.
Biotin (Vitamin B7) ist zwar vorhanden und kann Horn- und Fellqualität positiv beeinflussen – aber nur bei:
langfristiger Gabe (3 mg pro 100 kg Körpergewicht und Tag),
kombiniert mit schwefelhaltigen Aminosäuren wie Methionin und Cystein.
Andere B-Vitamine werden nach der Erhitzung synthetisch zugesetzt.
Zur Übersicht, welche Vitamine und Nährstoffe natürlicherweise in Bierhefe vorkommen und wie sie auf die starke Erhitzung reagieren:
📊 Vitamine in Bierhefe nach Erhitzung
Vitamin / Nährstoff | In Bierhefe? | Übersteht die Erhitzung? |
B1 (Thiamin) | ✔️ | ❌ (geht größtenteils verloren) |
B2 (Riboflavin) | ✔️ | ⚠️ (teils erhalten) |
B3 (Niacin) | ✔️ | ✔️ (stabil) |
B5 (Pantothensäure) | ✔️ | ⚠️ (teilweise verloren) |
B6 (Pyridoxin) | ✔️ | ❌ (sehr empfindlich) |
B7 (Biotin) | ✔️ | ✔️/⚠️ (relativ stabil, schwankend) |
B9 (Folsäure) | ✔️ | ❌ (geht größtenteils verloren) |
B12 (Cobalamin) | ❌ | – (nicht enthalten) |
Mineralstoffe | ✔️ | ✔️ (weitgehend stabil) |
👉 Fazit: Bierhefe verliert durch Erhitzung vor allem die empfindlichen B-Vitamine (B1, B6, B9). Stabiler bleiben Biotin, Niacin und Mineralstoffe – vieles andere wird später synthetisch ergänzt.
👉 Artgerechte Fütterung statt Zusatzhefe
Pferde, die rund um die Uhr Zugang zu hochwertigem Heu haben, brauchen weder große Mengen Kraftfutter noch Bierhefe.
Kraftfutter ist nur dann nötig, wenn wirklich ein Energiedefizit vorliegt – z. B. bei Sportpferden mit hohem Leistungsbedarf.
Dabei sollte man genau hinschauen: Nicht jedes Pferd kann Getreide gleich gut verstoffwechseln (hier spielt auch die Abstammung eine Rolle).
Beispiel: Ein 600-kg-Pferd benötigt ca. 79 MJ verdauliche Energie pro Tag – 10 kg gutes Heu decken diesen Bedarf bereits.Als Richtwert gilt heute: 2–3 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht und Tag. Damit liegt der Heubedarf eines 600-kg-Pferdes zwischen 12 und 18 kg täglich – abhängig von Haltung, Arbeit und individueller Konstitution.
➡️ Daraus lässt sich schließen: Statt eine vermeintlich fehlende Energie über Kraftfutter auszugleichen, ist es oft sinnvoller und gesünder, den Heuanteil zu erhöhen – vorausgesetzt, die Heuqualität stimmt.
👉 Dauerfressen, Übergewicht und die Diätfalle
Pferde, die trotz 24/7 Heu „nicht satt“ werden, haben oft ein Defizit: Nährstoffmangel, Stress oder Schmerzen.
Übergewichtige Pferde profitieren nicht von Hungerkuren, sondern von Stoffwechselunterstützung und einer kritischen Analyse der Heuqualität (Zuckergehalt, Nährstoffdichte).
Fressbremsen oder übermäßige Strohstreckung sind riskant: Sie belasten den Verdauungstrakt und erhöhen langfristig das Risiko für Magengeschwüre, Koliken, Rehe oder Allergien.
Lesenswert: MDPI-Studie 2022
✅ Fazit: Bierhefe & Kraftfutter beim Pferd
❌ Bierhefe ist kein Allheilmittel und eine Fütterung nicht empfehlenswert
→ verliert durch Erhitzung wichtige Vitamine
→ liefert keinen nachhaltigen Nutzen für die Darmflora
→ führt sogar zu Problemen (Fuselalkohole, Blähungen)
✅ Darmgesundheit ist der Schlüssel
→ intakte Mikrobiota produziert B-Vitamine selbst
→ Supplementierung wird dadurch überflüssig
✅ Natürliche B-Vitamin-Quellen nutzen
→ z. B. aus frischem Grünfutter, Kräutern, Keimlingen oder speziellen Mineralfuttern
→ statt künstlich angereicherter Bierhefe
⚠️ Kraftfutter nur mit Bedacht einsetzen
→ nur sinnvoll, wenn das Pferd tatsächlich hohe Leistung erbringt
→ immer abhängig vom Pferdetyp (leicht- oder schwerfuttrig, Sport- oder Freizeitpferd, Abstammung)
→ Auswahl des richtigen Kraftfutters ist entscheidend (Getreide ist nicht für jedes Pferd geeignet!)
➡️ Grundregel:
Hochwertiges Heu rund um die Uhr ist die wichtigste Basis – 2–3 kg pro 100 kg Körpergewicht und Tag.
→ besser Heuanteil erhöhen, statt vorschnell zu Kraftfutter oder Bierhefe zu greifen.
✅ Do: Auf qualitativ gutes, langstieliges Heu & ausreichend Raufutter setzen – das ist die Grundvoraussetzung für einen gesunden Darm und die nötige Energieversorgung.
✨ Du hast Fragen zur Fütterung oder wünschst Dir eine individuelle Beratung für Dein Pferd?
👉 Gerne kannst Du Dich bei mir melden und eine persönliche Futterberatung buchen.




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